Presseerklärung im Fall Bultmann

Der Fall Bultmann, die Sperre durch den deutschen Leichtatghletik-Verband und die einstweilige Verfügung, die zur Aufhebung der Suspendierungfür die deutschen Crossmeisterschaften durch den DLV führte, haben innerhalb der Leichtathleten für einiges Aufsehen und Verwirrung geführt. Der Rechtsstreit ist noch nicht beendet, er tritt jetzt in eine neue Phase. Deswegen hier an dieser Stelle diese Presseerklärung sowie die zum Verständnis notwendigen Anlagen:

PRESSEERKLÄRUNG v. 17.12.2004:

LG Darmstadt erlässt im Dopingverdachtsfall Birte Bultmann erneut einstweilige Verfügung gegen Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) – Aufhebung der Suspendierung für drei weitere Wettkämpfe.

Unsere Mandantin Birte Bultmann hat vor dem Landgericht Darmstadt am heutigen Tag abermals eine einstweilige Verfügung gegen den DLV erwirkt, mit der sie ihr Startrecht auch für die nächsten drei Wettkämpfe (u. a. bereits am kommenden Sonntag, 19.12.2004, in Syke) durchgesetzt hat.

Zur aktuellen Entwicklung des Verfahrens teilen wir folgendes mit:

Bereits am 22.11.2004 hatte die 19. Zivilkammer des LG Darmstadt dem ersten Antrag unserer Mandantin auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen den DLV stattgegeben und die Suspendierung für die Deutschen Cross-Meisterschaften am 27.11.2004 in Bremen aufgehoben. Aufgrund dieser Entscheidung, dessen Vollzug der DLV im Wege des Widerspruchs noch zu verhindern versucht hatte, hatte Frau Bultmann an diesem ersten Wettkampf nach ihrer vorläufigen Sperre (erfolgreich) teilnehmen können.

Trotz der nachhaltigen Erschütterung des Anscheinsbeweises und der gegen ihn verhängten einstweiligen Verfügung hat der DLV die vorläufige Wettkampfsperre gegen Frau Bultmann auch weiterhin nicht aufgehoben. In seinem Widerspruch stellte sich der DLV – trotz dem Analysenreport des Prof. Dr. Schänzer v. 13.10.2004 (dazu vgl. anliegende Presseerklärung v. 26.11.04) – auf den Standpunkt, dass nach bisherigem Erkenntnisstand „nach wie vor nichts dafür (spricht), dass der Dopingbefund körpereigenen Ursprung hatte“.

Im Vorfeld wichtiger Meetings und Meisterschaften ist Frau Bultmann auf die anstehenden Aufbau- und Leistungsnachweiswettkämpfe angewiesen, um ihre notwendige Wettkampfhärte zu erhöhen und ihre realistischen Nominierungschancen für internationale Einsätze in 2005 zu wahren.

Eine vom DLV im Vorfeld des heutigen Beschlusses beim LG Darmstadt vorsorglich eingereichte Schutzschrift, die u. a. auf neuen Sachvortrag gestützt worden ist, wurde vom Landgericht bei seiner Entscheidungsfindung einbezogen. Mit dem am heutigen Tag ergangenen Beschluss des LG Darmstadt ist die dortige Argumentation des DLV als nicht relevant bewertet worden. Die Suspendierung ist für die von Frau Bultmann vorgesehenen weiteren drei Wettkämpfe – abermals – aufgehoben worden. Allein der generellen, zeitlich unbefristeten Aufhebung der vorläufigen Suspendierung vermochte das Landgericht wegen der Vorgreiflichkeit für die Hauptsache (noch) nicht stattzugeben.

Bei den Terminen aus der Wettkampfplanung der Frau Bultmann handelt es sich um

– „25. Country-Lauf Syke-Weyhe-Syke am 19.12.2004 in Syke (Crosslauf)“,

– „24. Bietigheimer Silvesterlauf am 31.12.2004 in Bietigheim“,

– „Crosslauf Hamburg-Bergedorf am 09.01.2005 in Hamburg-Bergedorf“.

Frau Bultmann ist aufgrund dieses weiteren gerichtlichen Beschlusses bei den vorgenannten Wettkämpfen startberechtigt.

Dr. Rainer Cherkeh,
Rechtsanwalt, Hannover.

ANLAGE:

Presseerklärung Birte Bultmann vom 26.11.2004 nebst Begleitschreiben:

Nachfolgend übersenden wir Ihnen die Presseerklärung unserer Mandantin Birte Bultmann vom 26.11.2004.

Zur Entwicklung (1) und Einordnung (2) des Verfahrensstandes teilen wir ergänzend folgendes mit:

(1) Frau Bultmann ist wegen des Verdachts eines Dopingverstoßes bei den Deutschen Meisterschaften in Borna (20.05.2004), wo sie im 10.000-m-Lauf den 4. Platz belegte, am 26.07.2004 vom DLV suspendiert worden (vorläufige Wettkampfsperre nach § 20 Nr. 2 Antidoping-Code). Mit Beschluss des Disziplinarausschusses des DLV vom 07.09.2004 wurde die erfolgte Suspendierung bestätigt.

Mit dem nun im einstweiligen Verfügungsverfahren ergangenen Beschluss des Landgerichts Darmstadt vom 22.11.2004, der dem DLV am heutigen Tag zugestellt worden ist, wurde die Suspendierung für die Dauer der am morgigen Sonnabend in Bremen stattfindenden „Deutschen Cossmeisterschaften 2004“ aufgehoben. Frau Bultmann ist aufgrund des gerichtlichen Beschlusses am 27.11.2004 in Bremen startberechtigt.

(2) Der Beschluss des LG Darmstadt, zu dem vergleichbare gerichtliche Entscheidungen nicht bekannt sind, hat – individuelle und generelle – Bedeutung für die nationale und internationale Leichtathletik-/ Sportszene.

Zum einen wird der Gerichtsentscheid für den weiteren Verlauf des gegen unsere Mandantin noch andauernden Dopingsanktionsverfahrens richtungsweisend sein.

Darüber hinaus hat der hiesige Dopingverdachtsfall auch auf internationaler Ebene eine in ihrem Ausmaß noch nicht absehbare Sprengkraft. Erst in diesem Jahr wurde der Grenzwert bei Frauen für die bei Frau Bultmann festgestellte Substanz (Nandrolon) von 5,0 ng/ml auf 2,0 ng/ml herabgesenkt. Die Analyse der A-Probe von Frau Bultmann ergab einen Wert von 4,5 ng/ml; die B-Probe wies einen Wert von 5,2 ng/ml aus. Entgegen der Annahme des DLV, die Substanz sei exogen (also von außen) zugeführt worden, sprechen zwischenzeitlich jedoch alle wissenschaftlichen Untersuchungen für einen endogenen (also körpereigenen) Ursprung der bei unserer Mandantin am 20.05.04 festgestellten Werte. Damit ist nicht nur der für eine Sanktionierung erforderliche schuldhafte Dopingverstoß von Frau Bultmann nicht gegeben, sondern darüber hinaus wird generell die Haltbarkeit des international vorgegebenen Grenzwertes für Nandrolon in Frage gestellt.

Möglicherweise sind diese, über den Einzelfall hinausgehenden Dimensionen Hintergrund für die bislang starre Haltung des DLV gegenüber Frau Bultmann, die nun – im unmittelbaren Vorfeld eines für unsere Mandantin wichtigen Wettkampfes – eine Korrektur durch das LG Darmstadt erfahren hat.

Dr. Rainer Cherkeh,
Rechtsanwalt,
Hannover, 26.11.2004

Presseerklärung von Frau Birte Bultmann

anlässlich der Aufhebung der vorläufigen Wettkampfsperre für die Deutschen Crossmeisterschaften am 27.11.2004 durch das LG Darmstadt

In Anbetracht des nun von meinen Rechtsanwälten erzielten Erfolges und der vom Landgericht Darmstadt erlassenen einstweiligen Verfügung, mit der meine Startberechtigung bei den Deutschen Cross-Meisterschaften in Bremen am morgigen Tage durchgesetzt worden ist, bin ich überglücklich über das zunächst erzielte Zwischenergebnis. Ich habe eine Zeit extremer psychischer Belastungen hinter mir und hoffe, dass der „Spuk“ nun bald endgültig vorbei ist.

Die Mitteilung des DLV über das Analyseergebnis meiner A-Probe bei den Deutschen Meisterschaften in Borna am 20.05.2004 war für mich regelrecht ein „Schock“. Ich wusste, dass ich keine verbotenen Substanzen zu mir genommen habe, sah mich aber offensichtlich anderen Erkenntnissen meines Verbandes ausgesetzt.

Seit Einleitung des gegen mich gerichteten Verfahrens habe ich in jeder Hinsicht an der Auf-klärung der Sachumstände mitgewirkt, die bei mir zu den erhöhten Werten geführt haben mögen. Welche körperlichen Reaktionen letztendlich ursächlich gewesen sind, ist abschließend noch nicht geklärt; von außen zugeführte Substanzen sind hierfür jedenfalls nicht verantwortlich.

Ich kann mir den anlässlich der Dopingkontrolle vom 20.05.2004 aufgefundenen Nandrolon-Wert nur so erklären, dass sich an diesem Wettkampftag irgendetwas in meinem Körper abgespielt haben muss. Möglicherweise, was ich vermute, jedoch nicht weiß, ist dieses – allein oder in Kombination mit anderen körperlichen Faktoren – auf meine heftige allergische Reaktion am Vorabend und der anschließenden Extrembelastung im Wettkampf zurückzuführen. Vielleicht gibt es aber auch andere Gründe (z. B. Dopingkontrolle in der Zyklusmitte), die zu einer Erhöhung meines körpereigen hergestellten Nandrolons geführt haben.

Mein Rechtsanwalt Dr. Rainer Cherkeh aus Hannover hat dem DLV all diese Umstände de-tailliert und mit Unterstützung ausgewiesener Experten (Mediziner und Chemiker) dargelegt.

Nachdem mein Rechtsanwalt dem DLV die Gutachten zugeleitet hatte, wurde der noch vorhandene Resturin aus der Dopingprobe vom 20.05.2004 ergänzend in dem weiteren, vom IOC akkreditierten Dopinglabor des Prof. Dr. Schänzer/Köln analysiert. Die dort verwendete Untersuchungsmethode sollte die Klärung zwischen endogener und exogener Herkunft der bei mir festgestellten erhöhten Werte herbeiführen. Herr Prof. Dr. Schänzer kam in seinem Analysen-Report vom 13.10.2004 zu dem Ergebnis, dass die ermittelten Werte auf einen möglichen endogenen Ursprung der Substanz hinweisen. Gegenteilige Anzeichen hatte der Gutachter nicht finden können.

Trotz der von meinem Rechtsanwalt Dr. Cherkeh vorgelegten Gutachten und trotz der Feststellungen des Prof. Dr. Schänzer bin ich vom DLV von dem gegen meine Person gerichteten Verdacht noch immer nicht freigesprochen worden; die gegen mich erlassene vorläufige Wettkampfsperre ist beibehalten worden. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass der Disziplinarausschuss des DLV entscheidet, die gegen mich verhängte Suspendierung aufzuheben; damit hätte sich die gerichtliche Auseinandersetzung vermeiden lassen. Angesichts der nach den bestätigten wissenschaftlichen Erkenntnissen eingetretenen Passivität des Verbandes mussten meine Rechtsanwälte im unmittelbaren Vorfeld zum Wettkampf am 27.11.2004 indes handeln.

Ich weiß dass der DLV eine hohe Verantwortung gerade auch in meinem Fall trägt und die bei mir gezeigten Abläufe – wie auch immer sie wissenschaftlich zu erklären sein werden – hohe Bedeutung für das Dopingkontrollsystem in der Leichtathletik, aber auch in allen anderen Sportdisziplinen haben. Doch muss der DLV auch seine Verantwortung mir gegenüber wahrnehmen. Es kann mir doch nicht zur Last gelegt werden, dass die genaue Ursache des offenkundig körpereigenen Ursprungs der aufgefundenen Nandrolonsubstanz noch nicht hat ermittelt werden können. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass sich die aufgefundene Substanz in einem absoluten Grenzwertbereich befindet, der nach Ansicht aller Experten, die mein Rechtsanwalt und ich zwischenzeitlich konsultiert haben, noch nicht hinreichend erforscht ist.

Trotz des mein privates und berufliches Umfeld sowie meine Person extrem belastenden Verdachtes habe ich uneingeschränkt an einer wissenschaftlichen Aufklärung der in meinem Körper ablaufenden Reaktionen mitgewirkt. Wenn dann aber aus wissenschaftlicher Sicht alles dafür spricht, dass die bei mir in Borna aufgefundene Substanz nicht körperfremd ist, dann erwarte ich von meinem Verband, dass er mich von dem gegen mich gerichteten Verdacht befreit, damit ich in der Öffentlichkeit rehabilitiert werden kann.

Da morgen die Deutschen Cross-Meisterschaften stattfinden, bin ich froh, dass das Landgericht Darmstadt die gegen mich, wie es sich herausgestellt hat, zu Unrecht aufrecht erhaltene Suspendierung für diesen Wettkampf aufgehoben hat. Dieses gibt mir auch Hoffnung für den weiteren Verlauf des gegen mich gerichteten Sanktionsverfahrens.

Ich hoffe, dass dieser Alptraum nun endlich bald ein Ende hat. Aber jetzt will ich mich erst einmal auf meinen morgigen Wettkampf konzentrieren.

Birte Bultmann,
Zeven, 26.11.2004

Autor: cb
Datum: 17.12.2004